Touren-Test Suzuki B-King

 

Heute ein König

B-King – »Sei König.« Dazu braucht man nicht Glanz und Gloria, sondern mehr als 180 PS und ein Äußeres, vor dem das Volk erzittert. Meint jedenfalls Suzuki. Doch der König kann mehr als das Zepter schwingen. Meinen wir.

 

Text: Christoph Driesen

 

Suzuki B King
Suzuki B King

Das Unterfangen scheint gewagt. Man könnte auch sagen: Es scheint komplett hirnrissig. Mit einer Suzuki B-King auf Tour zu gehen, das ist doch ungefähr so, wie die ganze Familie zum Sonntagsausflug im Schützenpanzer einzuladen. Von Reisen war bei diesem Macho-Bike schließlich nie die Rede. Höchstens von einer Reise in die Hölle. Und Gerede braucht man sich eh nicht anzuhören, ein Blick auf die Suzuki reicht auch dem Ahnungslosesten, um zu wissen, was Sache ist. Das materialisierte Böse, ein Oma-Schreck in Stahl und Plastik. Wenn König, dann der König der Unterwelt. Breitschultrig wie ein übler Kneipenschläger, den unproportioniert kleinen Kopf zwischen die Muskelmassen gezwängt. Und dann diese Omnipotenz: 183 PS – in einem Naked Bike! Wahnsinn, Schwachsinn, sinnbefreit. Keine Frage, die B-King kann kein Motorrad für Vernunftorientierte sein.

 

Okay, wir geben es zu. Es fällt nicht ganz leicht, sich von all diesen Klischees, die die BKing mit jeder einzelnen Schraube verkörpert, freizusprechen und unbefangen in den Sattel zu steigen. Da hilft noch nicht mal das ABS, das seit diesem Jahr gegen 300 Euro Aufpreis zu haben ist. Dieses erschreckend vernünftige Bauteil am vermeintlichen Gipfel der Unvernunft. Und eine Ausfahrt verlangt nach gefestigten Charakteren – oder einem tiefschwarzen Visier. Denn die Blicke der Passanten sind eindeutig, selbst wenn man im Schritt-Tempo vorbeirollt.

 

 

Da ist dieser unsichtbare Stempel, den sie einem auf die Stirn drücken, und man spürt förmlich, wie dort plötzlich in Riesenlettern »PROLL« steht. Und noch etwas muss ganz klar gesagt werden: Die Tour auf der B-King wird nur mit leichtem Handgepäck stattfinden. Koffer sind an diesem Bike eh unvorstellbar, Satteltaschen würden sofort am Auspuff verglühen, noch nicht mal ein Tankrucksack lässt sich auf dem monströsen Tank gescheit verzurren, in den Zündschloss und Bedientasten eingelassen sind. Ein Täschchen auf dem Soziusplatz muss reichen, und selbst dies zu vertäuen ist keine ganz einfache Aufgabe, will man die entsprechenden Gurte nicht am Auspuff verschmoren.

 

 

Vielleicht geht das im Serientrimm ein wenig besser, denn die originalen Oversized-Tröten sind plastikummantelt, aber hier haben wir es mit einem von 200 Sondermodellen zu tun, die mit schlankeren Titan- Schalldämpfern von Suzukis Haus-und-Hof-Tuner Yo-shimura versehen sind. Und die sind nicht plastikummantelt. Dafür günstig: Statt 1800 Euro, die für die Yoshi-Dämpfer normalerweise veranschlagt werden, zahlt man fürs Edition-Modell nur 400 Euro Aufpreis gegenüber einer normalen BKing.

 

Macht immer noch 13.990 Euro fürs Reisen mit nicht viel mehr als Kreditkarte und Zahnbürste in der Tasche. Aber das tun auch etliche Supersport-Piloten – und fahren dabei nicht schlecht. Und ein Großteil der Skepsis gegenüber dem Brutalo-Bike verschwindet auch schon beim Aufsitzen. Ganz leicht kippt sich das vermeintliche Trumm vom Ständer in die Senkrechte, wie von selbst finden die Füße einen bequemen Platz auf den Rasten, schmiegen sich die Beine an den Tank, ohne obszön gespreizt zu werden. Vorausgesetzt, die Haxen sind nicht zu lang. Zwei-Meter-Männer haben wenig Chancen, Platz unter den monströsen Plastikhutzen rechts und links des Tanks zu finden. Schade, denn die Wülste sind zuallererst mal Design-Element, doch ihren effektiven Nutzen wird man später noch kennen lernen.

 

 

Dumpf grollend meldet sich der König zu Wort, sobald der Anlasser gedrückt wird. Die Yoshi-Tröten als Sprachrohr des Regenten – das passt exzellent, ohne dass irgendjemand Angst um seine Trommelfelle haben müsste. Wie überhaupt jede Angst im Thron des Königs unbegründet ist. Könnte ja aufkeimen angesichts der gigantischen Leistung, doch keine Spur eines Gewaltregimes, wenn die B-King von der Kupp lung kommt. Klar, schließlich haben wir es hier mit dem 1340er-Reihenvierer der Hayabusa zu tun, und dass es sich dabei um ein brillantes Aggregat handelt, hat sich nach der ersten Aufregung um das 300-km/h-Bike mittlerweile wohl herumgesprochen.

 

 Ruckfrei schiebt der König los, wer explosionsartigen Leistungsüberfall erwartet, muss schon ordentlich am Gasgriff drehen. Nein, dieser Motor schiebt vom ersten Moment sehr berechenbar an, und man hat es jederzeit in der Hand, ob man unauffällig im Verkehr mitschwimmen oder den vielleicht heftigsten Hinterntritt seines Lebens spüren möchte. Denn natürlich ist er immer da, dieser unglaubliche Druck aus noch der Schalthebel nach unten drücken, der Zoom-Faktor ins Exzessive steigern. Von wegen Unvernunft – wer angesichts von echten 174 PS nicht seinen Verstand verliert, hat es hier mit enormen Sicherheitsreserven zu tun. Und genießt das entspannteste Landstraßensurfen, das man sich vorstellen kann. Fünften oder sechsten Gang rein, der Rest wird mit dem Gasgriff gesteuert.

 

Fahren wie mit Automatik. Ohne Antriebsruckeln, ohne störende Lastwechselreaktionen, die den sauberen Strich versauen. Und nicht zuletzt mit moderatem Spritverbrauch: 6,3 Liter genehmigte sich der Reihenvierer bei keineswegs langsamer Landstraßenfahrt. Nur eben bei geringen Drehzahlen. den Tiefen der Brennräume. Wer am Kabel zieht, zoomt das Weltbild in einem wahnwitzigen Zeitraffer heran. Egal in welchem Gang, egal bei welcher Drehzahl. Dabei wurde für nahezu jeden Gang eine eigene Leistungskurve hinterlegt. Mit eingeschränktem Drehmoment in den ersten drei Gängen, damit der Hinterreifen auch unter radikalen Fahrern eine Chance hat, Traktion zu finden.

 

Die volle Drehmomentpackung dagegen in den oberen Gängen. Die 100 Nm stemmt der Reihenvierer im sechsten Gang dann schon bei 2800/min an die Kurbelwelle, da stehen schon 80 km/h auf der Uhr. Und wenn jetzt eine Sonntagsausflüglerkolonne vor einem erscheint, ist ziemlich egal, ob die aus zwei oder zwanzig Autos besteht. Hahn auf und vorbei, runterschalten überflüssig. Schließlich gipfelt das Drehmomentgebirge in 138 Nm. Und wenn doch mal einer entgegenkommt, lässt sich immer

 

Fragt sich, für wen Leis tungsmodus »B« geschaffen wurde. Lässt sich per Knopfdruck im Leerlauf einlegen und beschneidet die Leistung auf 122 PS, das Drehmoment auf 92 Nm. Vielleicht gemacht für die Unbeherrschten, die erst ihren Verstand und dann ihren Führerschein verlieren. Wir haben ihn jedenfalls nur ein einziges Mal ausprobiert und sind trotzdem nicht mit 250 km/h über die Landstraße geflogen.

 

 

Überhaupt: Landstraßen. Können dem König gar nicht kurvig genug sein. Mag man nicht glauben angesichts der gigantischen Ausmaße und dem Bad-Boy-Outfit, das eher nach illegalen nächtlichen Beschleunigungsrennen aussieht. Aber der dicke Brocken pfeilt sowohl um schnelle Kurven als auch um engste Spitzkehren mit einer Leichtigkeit, dass spätes tens jetzt völlig egal ist, ob einem nun »PROLL« oder »KING« auf der Stirn steht. Erstaunlich, wie leicht und neutral sich 264 Kilo abwinkeln lassen, wie wenig störend ein 200er-Reifen im Heck sein kann. Das könnte auch eine Sechshunderter sein, mit der man hier durch die Kurven wedelt. Nur gibt es keine Sechshunderter, die so souverän aufs Gasanlegen reagiert, so lastwechselarm durch eine Spitzkehre zirkelt.

 

Und dazu ein Fahrwerk auf absolutem Top-Niveau. Mit mächtig dimensioniertem Alu-Brückenrahmen und einer Schwinge, deren Oberzüge absolute Verwindungssteifigkeit garantieren. Selbst auf kleinste Unebenheiten spricht die 43-mm-Upside-down-Gabel feinfühlig an, das Zentralfederbein im Heck macht es nicht viel schlechter. Da bleibt keine Bodenbeschaffenheit ein Rätsel, glasklare Transparenz ist bei jedem Tempo gegeben. Der Lenkungsdämpfer vorm Tank sorgt für stoische Ruhe an der Front, selbst wenn mal ein Quäntchen zu viel Gas gegeben wird, einzig auf üblen Rumpelstrekken verliert der König einen Teil seiner Souveränität. Dann wankt es ein wenig im Gebälk, läuft der dicke Hinterreifen tiefen Rinnen hinterher, muss der Lenker ein wenig fester gepackt werden. Für ein Naked Bike, zumal ein solch gigantisches, unterm Strich aber immer noch ein exzellentes Fahrverhalten.

 

Dass man dem Power-Bike auch adäquate Bremsen verpasst hat, dürfte klar sein. Und so kann man den radial verschraubten Vierkolbensätteln vollstes Vertrauen schenken, zumal ja auch noch ein ABS an Bord ist. Feinfühlig lässt sich der Handhebel an der Radialpumpe dosieren, zwingt den König bei Bedarf aber brachial in die Knie. Ein Bremsweg von 39,6 Metern aus 100 km/h liegt zwar drei Meter über Hayabusa-Niveau, kann sich aber immer noch sehen lassen.

 

Ein besonderes Erlebnis ist natürlich der Ausritt auf der Autobahn. Wo man die Urgewalten wirklich mal spüren kann. Wie es sich anfühlt, wenn man seine Brust einem tosenden Fahrtwindorkan entgegenstreckt, die Nackenmuskulatur aufs Äußerste gefordert wird. Wie die B-King aus 200 km/h antritt, wie es andere Motorräder noch nicht mal aus 100 km/h schaffen. Wird man nicht lange tun wollen, falls man nicht grad Stammgast im S/MStudio ist, aber ein paar Minuten Unvernunft muss man sich auf diesem Motorrad einfach gönnen. Wobei Suzuki den allzu Unvernünftigen einen Riegel vorgeschoben hat. Bei echten 250 km/h nämlich, damit der Kopf auch auf den Schultern bleibt, denn die theoretisch möglichen 314 km/h, auf die der sechste Gang übersetzt ist, wären dann wohl doch zu viel. Immerhin, die fetten Plastikwülste am Tank bringen dem Unterleib bei hohem Tempo spürbare Entlastung vom Winddruck, und wer obenrum mehr Windschutz sucht, als die kleine Lampenmaske bieten kann, wird die B-King wohl eh nicht in die engere Auswahl seiner Favoriten nehmen.

 

Vor mangelnder Fahrstabilität muss man jedenfalls keine Angst haben, ob man nun ziviles Reisetempo anschlägt oder sich kurz den Elementen hingibt, geradeausfährt oder Autobahnkurven als Herausforderung ansieht – die B-King quittiert es mit stoischer Ruhe.

 

Jetzt aber bitte nicht auf die Idee kommen, statt Gepäck die Liebste auf den Soziussitz zu hieven. Das könnte das Ende einer langen Freundschaft sein. Jedenfalls, wenn die Ausfahrt länger als eine Hand voll Kilometer dauern soll. Ganz weit oben hockt man dahinten, zieht die Knie wie auf einem Supersportler an und überragt den Fahrer so sehr, dass der Winddruck einen vermutlich schnell herunterfegt.

 

Zum Festhalten gibt es nämlich auch nichts. Als echter Macho wird man die Lady natürlich eh mit Bus oder Bahn zum Urlaubsort schicken, dann kann sie auch gleich das gesamte Gepäck mitnehmen. Aber vielleicht gibt’s ja weniger echte Machos, als Suzuki sich träumen lässt. Wäre schließlich ganz einfach: Zündschloss ins Cockpit und ein Heck, das für Mitreisende wie Gepäckunterbringung besser geeignet ist – schon wäre die B-King ein famoser Allrounder. Und die bösen Buben hätten trotzdem noch ihren Spaß daran. Muss ihnen ja keiner erzählen, dass die Reise mit dem König nicht nur in die Hölle gehen darf.

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